Aus fremden Körbchen geplaudert: „Ups“ – Desensibilisierung auf Geräusche

Leutz, es geht wieder mit straffen Schritten auf Silvester zu und wie das so ist, rennen nun einige Hundehalter aufgrund der Angst ihrer Vierpfötler schon panisch im Kreis. Und mal ehrlich, Geräuschangst ist auch eine wirklich fiese Sache. Wie man das Ganze jetzt schon in Vorbereitung auf Silvester, Gewitter oder weiß der Fuchs, welche Geräusche eurer Hund fürchtet, anpacken kann, verraten euch  Kim und Coffee 🙂 .

 

Heute soll es um die Desensibilisierung gehen. Coffee hat früher sehr stark auf Geräusche reagiert, vor allem wenn etwas runter gefallen ist. Er dachte, er würde etwas falsch machen oder hat sich einfach total erschreckt. Er war teils völlig verunsichert und kam nur schwer wieder zur Ruhe – was logisch war, denn für ihn war es völlig undurchschaubar und unvorhersehbar, wann mir aus Versehen etwas herunter fällt.

Bevor ich mit dem Aufbau beginne, würde ich gern noch etwas klar stellen: Ich habe Coffee im Laufe der Übung möglichst eine Kontaktaufnahme angeboten und diese nochmal extra belohnt, weil ich es sinnvoll fand, dass sich Coffee mit dem Auslöser auseinander setzt. Diese Kontaktaufnahme darf jedoch nicht erzwungen werden. Wichtig ist, dass der Hund von selbst näher/schauen kommt, wenn er sich das traut. Falls Coffee sich nicht getraut hat, tatsächlich (körperlich) nah zu kommen, habe ich jegliches Interesse (in die Richtung schauen und beobachten, in die Richtung schnüffeln etc) belohnt.

Belohnt habe ich dabei eigentlich immer bedürfnisorientiert. Wenn Coffee eh schon nicht gern näher kommen wollte, durfte er einem sich vom Auslöser entfernenden rollenden Leckerlie hinterherlaufen. Wenn er sich zwar getraut hat nah zu kommen, aber es nicht gern ins Maul nehmen wollte (Metall), mir aber trotzdem etwas Tolles zeigen wollte, durfte er einen kleinen Dummy bringen.

Manchmal wollte Coffee den Gegenstand auch berühren oder gründlich abschnüffeln. Ist der Hund gar nicht in der Lage, ein Leckerlie zu nehmen, reagiert er sehr unsicher oder zeigt starkes Meideverhalten, sollte man lieber mindestens einen Tag Pause machen und zusätzlich einen Trainingsschritt zurück gehen.

 

Der Hund soll schließlich Spaß an der Aktivität haben und dafür nach Möglichkeit ausschließlich positive Erfahrungen sammeln.

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der mutige Coffee nähert sich einer unwahrscheinlich gefährlichen Kröte…

Nun möchte ich aber beginnen, unser festgelegtes Signal ist „Ups“:

 

Zunächst mal der allgemeine Ablauf, der wird bei jeder Durchführung eingehalten.

Als Erstes kommt der Auslöser und möglichst direkt darauf folgend habe ich „Ups“ gesagt. Dann durfte Coffee die erste Belohnung fressen. Wenn er dann (ohne weiteren Auslöser) erneut den Blickkontakt gesucht hat, habe ich von ihm verlangt, dass er Kontakt mit dem Auslöser aufnimmt (siehe oben). Häufig hat er dies aber schon von selbst angeboten.

 

  1. Schritt: Begonnen habe ich mit sehr leichten Dingen, die Coffee normalerweise ignoriert. Ideen hierfür wären zum Beispiel ein Kuli, der vom Tisch rollt oder eine Packung Taschentücher, die runter fällt, eine laut zufallende Schranktür oder das Aufschütteln einer Mülltüte. Alles waren für Coffee lediglich Reize, über die er sich zwar mal erschrocken hat, aber keinerlei Angst zeigte. Zunächst habe ich das in Situationen genutzt, wo Coffee bereits aufmerksam war, ohne dass ich ihn angesprochen hatte. Wenn er auf sein Futter wartet, wenn er wartet, dass wir nach draußen gehen oder ähnliche Situationen, in denen der Hund bereits aufmerksam ist. Einfach eine Packung Taschentücher fallen gelassen, „Ups“, Leckerlie rollt und dann gesagt, er soll es sich mal ansehen und wieder gefüttert. Später habe ich dann einen etwas lauteren Auslöser (Schranktüre) genommen, damit Coffee von selbst kurz aufmerksam wird und bin wieder genauso verfahren. Wichtig war mir, dass keine richtige Trainingssituation entsteht, damit Coffee es möglichst direkt im Alltag anwendet. Daher habe ich ihn nicht zu mir geholt und dann etwas gemacht, sondern habe immer Situationen genutzt, in denen er eh bereits aufmerksam war. Ich habe auch draußen, beispielsweise wenn jemand laut seinen Kofferraum oder die Autotür zugemacht hat, weiter trainiert. Coffee hatte relativ schnell begriffen, dass das „Ups“ ein Angebot ist. „Komm her und es gibt ein Leckerlie und wenn du dann nochmal kommst und was machst, gibt es sogar noch ein Zweites.“ Klar, für leicht verdiente Leckerlies ist er immer zu haben. Wichtig ist, dass dieser Schritt wirklich sitzt.

 

  1. Schritt: Das habe ich dann etwas ausgeweitet und Dinge genommen, die ihn zwar verunsichern, aber nicht übermäßig ängstlich machen. Zum Beispiel eine Nudeltüte hochgeworfen und laut mit beiden Händen gefangen (als würde ich klatschen) oder einen Löffel auf Fliesen fallen lassen. Beim ersten Mal hat Coffee das etwas komisch gefunden und ich habe das „Ups“ wiederholt, da er zwar trainingsbereit war, aber nicht mehr so genau wusste, was er tun sollte. Er stand da und hatte keine Idee, wie er Kontakt auf nehmen soll. Also habe ich einfach ein mal nur ganz wenig geraschelt, „Ups“  gesagt, ein Leckerlie gerollt, und dann erneut gesagt, dass er mal schauen soll. Nachdem er das einmal übertragen hatte, lief es bei ihm sehr gut. Ideen für die Zwischenstufe waren bei ihm ein fallender Löffel, Türe knallen wenn es etwas zugig war und die Tür von selbst zugefallen ist oder beispielsweise das Ausklopfen einer Fußmatte.

 

  1. Schritt: Wenn der Hund auch bei solchen Reizen grundsätzlich aufnahmebereit bleibt, kann man das Ganze langsam steigern. Man kann beginnen, Reize dazu zu nehmen, die dem Hunde schwer fallen. Dabei jedoch bitte den Hund nicht überfordern. Coffee wird niemals den laufenden Staubsauger anstubsen. Aber er reckt die Nase in die Richtung oder macht auch mal einen zaghaften Schritt dort hin. Das ist genauso gut und wird von mir bedürfnisorientiert belohnt. Er braucht nicht etwa noch näher kommen um sich das Leckerlie zu holen.

 

 

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Mittlerweile nutzen wir das Signal ca. 2 Jahre unregelmäßig, Mal mehr Mal weniger. Coffee hat keine Probleme mehr damit, wenn direkt neben ihm ein Schlüssel auf den Boden fällt. Teilweise bringt er ihn mir sogar und wir freuen uns gemeinsam total über diese mutige Tat mit einer kleinen Leckerlieparty. Auch draußen, wenn es einmal knallt, kann ich ihn mit dem „Ups“ etwas beruhigen und er ist bereit, sich ein Leckerlie zu holen oder eine Ersatzhandlung vorzunehmen. Knallt es öfter reicht ihm das „Ups“  leider nicht mehr, aber auch das ist in Ordnung.

Im Allgemeinen ist Coffee durch diese Maßnahme nicht nur sicherer, sondern auch neugieriger geworden. Er kommt oft von selbst schauen, was da denn Neues oder Unbekanntes ist. Er nimmt Kontakt auf und kommt schnell wieder zur Ruhe, selbst wenn ihn etwas verunsichert.

 

 

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tapferer, neugierer Coffee 🙂

 

Hier also nochmal die Kurzform:


1. Einführung des Signals und Trainingsablaufs durch Auslöser, die keinerlei Angst auslösen
2. Übertragung des Signals auf Auslöser, die nur ganz leicht verunsichern
3. Vorsichtige Steigerung bis hin zu wirklich schwierigen Auslösern

 

 

Vielen lieben Dank, geduldige Kim und tapferer Coffee.

Im Zuge der Desensibilisierung auf Silvester macht sicherlich auch der Kauf einer Geräusche- CD Sinn. Die lässt man dann erst mal leise im Hintergrund laufen. Die Lautstärke sollte so leise sein, dass der Hund noch gar nicht reagiert. Dann steigert man das Ganze sukzessive. Manche Hundeschulen bieten sogar schon Trainings an, bei denen ebenfalls solche Geräusche im Hintergrund laufen. Neben der Desensibilisierung und Gegenkonditionierung (die im Übrigen zumeist gemeinsam eingesetzt werden) sind aber auch Möglichkeiten wie Adaptil-Adapter, Thundershirt oder TTouch nutzbar, um der Angst seines Hundes beizukommen.

Gern schreiben wir euch dazu mit Blick auf den Jahreswechsel auch noch ein paar Zeilen mehr 🙂 .

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3 thoughts on “Aus fremden Körbchen geplaudert: „Ups“ – Desensibilisierung auf Geräusche

  1. Sehr schöner Beitrag 🙂 Die Beschreibung für den Aufbau finde ich sehr gut. Aaron ist zum Glück Geräusch-unempfindlich. Aber ich behalte, dass für später mal im Kopf. Wer weiß wann man es braucht 🙂
    liebe Grüße
    Sandra und Aaron

    1. Ihr zwei Glücklichen 🙂 Da hoffen wir aber, dass ihrs nicht mehr brauchen werdet 🙂

      Viele Grüße,
      Askan & Isa

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