Aus fremden Körbchen geplaudert: Die Löffeltheorie oder „Warum man zum Spaziergang genügend Löffel mitnehmen sollte“

Im Vogtland gibt es ein Sprichwort: „Du kannst alt werden wie ein Kuh und lernst dennoch immer was dazu“ – genau so erging es uns heute mit dem tollen Beitrag von Kim und Coffee. Von Löffeln hatten wir bislang nämlich nur in ganz anderen Zusammenhängen gehört 😉

 

Vor jedem Spaziergag versuche ich abzuschätzen wie viele Löffel wir brauchen werden. Das kann ich nur ganz grob schätzen, weil ich natürlich vorher nicht weiß, was so alles passiert. Ich richte mich bei meiner Planung auch immer danach, wie viele Löffel wir schon benutzt haben. Oder ob Coffee bereits Zeit hatte, wieder Löffel zu sammeln… mittlerweile ist das nur noch ein kurzes Überlegen, früher habe ich mir dafür jedoch auch etwas mehr Zeit genommen.

 

Bist du noch ganz dicht??

Die Frage ist nicht unberechtigt. Wofür sollte ich auf einem Spaziergang Löffel brauchen? Gute Frage – einfache Antwort: Ich beziehe mich hier natürlich nur auf sinnbildliche Löffel. Ich spreche von einer Theorie, die von Christine Miserandino 2003 veröffentlicht wurde. „The Spoon Theory“ oder eben auf Deutsch „Die Löffeltheorie“. Wer davon noch nicht gehört hat, dem könnte es so ergehen wie mir beim ersten Lesen: Man findet plötzlich viel bessere Erklärungen für einige Situationen. Warum hat mein Hund heute die bestimmte Situation ausgehalten, gestern aber nicht? Warum war er den ganzen Spaziergang so konzentriert und lieb und jetzt kurz vor der Haustür ist er doch noch total ausgerastet? Daher hier eine Erklärung zu der Theorie selbst.

 

 

Was ist das?

Zunächst einmal wird davon ausgegangen, dass die Löffel für Energie stehen. Hunde (oder eher gesagt alle Lebewesen) brauchen Energie. Für eigentlich alles wird ein bestimmtes Maß an Energie gebraucht. Diese Energie ist natürlich nicht unendlich – das wäre ja schön. Aber sie ist auch nicht festgelegt, jeder hat sein eigenes Maß an Energie. Seine eigene Anzahl an Löffeln.

Besonders bei Hunden, die schnell gestresst sind oder anderweitig gesundheitliche oder psychische Probleme haben, kann diese Begrenzung schnell ein Problem darstellen. Parallel dazu kann man sich das auch beim Menschen vorstellen. Mit einem entscheidenden Unterschied. Ein Mensch kann sich seine Löffel bewusst einteilen oder Situationen vermeiden, die zu viel Löffel (Energie) kosten würden. Wenn ich beispielsweise weiß, dass ich noch über die Autobahn muss und mir sicher sein kann, dass es Stau gibt, fahre ich entweder zu einer anderen Zeit und vermeide den Stress oder aber ich schaue, dass ich davor (oder danach) Dinge mache, die nicht so stressig sind.

Hunde können das nicht. Sie sind von uns abhängig. Das bedeutet, wir entscheiden wie viele Löffel sie verbrauchen müssen.

Auswirkung

Nehmen wir nun an, ein Hund hat 15 Löffel pro Tag zur Verfügung. Unterschiedliche Aktivitäten erfordern unterschiedlich viele Löffel. Ein Hund der schon bei der Vorbereitung zum Spaziergang total aufdreht, herumspringt, bellt und gar nicht mehr runterzukriegen ist, verbraucht dabei vielleicht 2 oder 3 Löffel. Während ein Hund wie Coffee, der sich zwar freut aber dabei noch ziemlich entspannt ist, vielleicht einen Löffel verbraucht.

Ich mache daher mal ein kleines Beispiel mit Coffee: Morgenspaziergang, Coffee ist noch recht müde. Wir treffen einen Hund den er wirklich nicht leiden kann, er bellt aber ausnahmsweise nicht. Das kostet allerdings trotzdem 3 Löffel. Kinder, die auf dem Weg zum Kindergarten schreien, rennen und auf uns zu kommen. Ausweichen ist leider kaum möglich. Auch das kostet uns 2 Löffel, denn auch hier reißt sich Coffee wirklich zusammen und beobachtet nur. Eine Katze kreuzt die Straße, Coffee hat merklich Stress, da sein Jagdtrieb angesprochen wird (2 Löffel). Mittagsspaziergang, auch hier treffen wir einige Hunde. Unter anderem seine „Welpenfreundin“. Coffee sieht sie, ich gebe ihm jedoch das Kommando „Fuß“ und er soll nicht ziehen bis ich ihn freigebe. Das erfordert Impulskontrolle – und 3 Löffel. Als die beiden noch ein wenig miteinander rumspringen, sehe ich einen anderen Hund kommen und weiche aus. Coffees Welpenfreundin kennt den Hund und darf hin. Für Coffee eine wirklich sehr stressige Situation, da er keine Kontrolle hat, was uns sicherlich wieder 3 Löffel kosten würde. Auf das Mittagessen muss er leider einen Moment warten. Auch das kostet einen Löffel. Das Klingeln des Postboten an der Tür kostet auch einen Löffel, denn Coffee freut sich wirklich sehr, wenn es klingelt. Der Tag ist gerade mal halb rum und wir haben bereits alle 15 Löffel verbraucht.

Und das war jetzt nur stark vereinfacht. Es gibt noch andere kleine Situationen die je nach Hund Löffel kosten. Das Anziehen eines Mantels wenn es kalt ist, das Anleinen nachdem der Hund kam, Hinsetzen und Bleiben, weil der Mensch das verlangt oder auch jede Hundebegegnung bei der sich ein Hund zurück nimmt und nicht freudig hin rennt/in die Leine springt und bellt. All das kann oder wird den Hund Löffel kosten.

 

 

Wenn die Löffel weg sind…

Was passiert wenn die Löffel weg sind? Das ist gar nicht so pauschal zu sagen. Vor allem fehlt dann aber die Konzentration oder die Energie, um etwas auszuhalten. Kinder die mit einem Ball spielen, kann Coffee zu Beginn des Spaziergangs noch recht gut ausblenden und sich auf mich konzentrieren. Am Ende des Spaziergangs ist es wirklich schwer für ihn, teilweise sogar unmöglich. Genauso bei Hundebegegnungen. Über die ersten 10 Hundebegegnungen kann er meist noch problemlos seine Konzentration halten. Irgendwann kommt jedoch der berühmte Tropfen, der das Fass zum überlaufen bringt. Dann sind die Löffel weg und Coffee hat einfach keine Energie mehr, um sich auf etwas anderes zu konzentrieren. Er will die Situation einfach schnellstmöglich lösen – das heißt bei ihm leider den anderen Hund anbellen.

Weniger Löffel verbrauchen

Das ist natürlich ein Ziel, das jeder hat, auch wenn man es so nicht ausdrückt. Wenn der Hund jedoch eine größere Frustrationstoleranz erlernt oder die Impulskontrolle besser wird, verbraucht der Hund bei Aktivitäten, die diese Dinge ansprechen weniger Löffel. Außerdem kann man natürlich die Umstände so ändern, dass es einfacher ist. Beispielsweise mehr Abstand zu anderen Hunden halten oder das „Bleib“ weniger lange ausreizen. Bessere Leckerlies sind übrigens für Coffee kein Grund, weniger Löffel zu verbrauchen. Im Gegenteil. Besonders gute Leckerlies versetzen Coffee teilweise nochmal in extra Stress. Er will sie unbedingt haben und weiß nicht, was er tun muss, um besonders schnell dran zu kommen. Dinge wie „Ressourcenverteidigung“ spielen dann natürlich auch eine Rolle.

Auswirkung auf den Alltag

Seit ich diese Theorie kenne, denke ich oft ganz anders nach. Was können wir jetzt noch schaffen? Kann ich noch zusätzlich ein anstrengendes Training einschieben, oder gebe ich Coffee lieber etwas Pause? Besonders wenn Coffee einen anstrengenden Tag hatte, versuche ich den nächsten Spaziergang besonders einfach zu gestalten. Natürlich kann Coffee einen Hund auch ruhig passieren lassen, wenn dieser nur 3m entfernt ist, aber wenn ich doch weiß, dass er nicht mehr so viele Löffel hat, mache ich es ihm lieber einfach – wer weiß, wozu ich auf dem restlichen Spaziergang noch Löffel brauchen kann?

 

 

Löffel regenerieren oder zu viele Löffel?

Ob man Löffel nun tatsächlich regenerieren kann, dazu schweigt die Verfasserin leider. Jedenfalls konnte ich nichts rausfinden. Allerdings bin ich bei Coffee der Meinung, dass das in einem gewissen Rahmen möglich sein muss. Sicher nicht grenzenlos, aber nach einem kleinen Nickerchen konnte Coffee sich oft schon wieder besser konzentrieren.

Wozu leider auch nichts gesagt wird ist, was passiert, wenn noch viele Löffel (also viel Energie) übrig sind. Bei Coffee würde ich mal schätzen, dass er einfach etwas unausgeglichen wäre. Da das aber wirklich selten vorkommt, da wir unsere Löffel eigentlich an jeder Ecke brauchen, kann ich dazu kaum etwas sagen. Falls es überhaupt möglich ist, dass noch viele Löffel übrig bleiben können…

Allerdings sind das beides meine eigenen Spekulationen und Vermutungen die nicht in die herkömmliche Theorie gehören.

 

Unsere Aufgabe als Hundebesitzer ist es im Endeffekt, genau auf den Hund einzugehen und zu schauen, dass die Löffel über den Tag hinweg reichen. Dabei muss jeder für sich abwägen, in welchen Situationen er oder sie Löffel ausgeben will und welche Situationen vermieden werden sollten.  Und wenn die Löffel leer sind, dem Hund nicht die Schuld an allem geben und ihn vielleicht sogar noch bestrafen…

 

Ich hoffe, euch hat der Beitrag genauso wie mir beim ersten Lesen vor ein paar Jahren die Augen geöffnet und ihr könnt ein paar Sachen mitnehmen.

 

 

 

3 thoughts on “Aus fremden Körbchen geplaudert: Die Löffeltheorie oder „Warum man zum Spaziergang genügend Löffel mitnehmen sollte“

  1. Wow! Toll erklärt und gleichzeitig auch eine Erklärung für meine manchmal spinnende Wuschelmaus… klar, wenn alle Löffel weg sind und wir einen Nervsack treffen, kann sie sich nicht so zusammenreißen, als wären noch alle Löffel im Besteckkasten. Ich muss da mal mehr drauf achten.

    Flauschige Grüße
    Sandra und Shiva

  2. Oh, dass kommt mir super bekannt vor..Nur mit anderen Beispielen und nicht aus dem Hundebereich. Tatsächlich geht es vielen Menschen mit Autismus- Spektrum -Störung ähnlich – also sie reagieren irgendwann zu stark oder haben vielleicht keine Kraft mehr zu reagieren und wissen aber gar nicht warum.
    Ich habe gerade einen Jugendlichen dem das so geht und wir schauen uns dann auch den bisherigen Tagesablauf an und er bewertet die einzelnen Situationen mit einem Thermometer.

    Dass das in gewisser Weise auf Hunde zutrifft hatte ich noch gar nicht so konkret vor Augen.. Vielen Dank dafür!
    Liebe Grüße Lizzy mit Emmely und Hazel

    1. Ja soweit ich weiß kommt es auch genau aus der Richtung 🙂 und da hab ich es auch kennen gelernt aber ich finde schon, dass man es fut auf Hunde übertragen kann.

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